Ein Erfahrungsbericht über KI-gestützte Entwicklung — am konkreten Beispiel einer Sportbootführerschein-App
Die Idee
Wer in Deutschland den Sportbootführerschein See (SBF See) machen will, muss je nach Führerscheinart jeweils um die 300 Fragen auswendig lernen — verteilt auf Basis-, Binnen-, Segelfragen oder See-spezifische Fragen und praktische Navigationsaufgaben. Die verfügbaren Lern-Apps haben mich nicht überzeugt: veraltete Oberflächen, keine vernünftige Statistik, kein Gefühl dafür, wo die eigenen Schwächen liegen.
Also habe ich kurzerhand beschlossen, selbst eine App zu bauen. Nicht weil ich dachte, das sei schnell erledigt — sondern weil ich neugierig war, wie weit man mit einem KI-Entwicklungspartner kommt. Das Werkzeug der Wahl: Claude Code.

Was ist Claude Code?
Claude Code ist kein Chat-Interface, in das man Fragen tippt und Antworten herauskopiert. Es ist ein Terminal-Tool, das direkt im Projektverzeichnis arbeitet — es liest Dateien, schreibt Code, führt Tests aus, macht Git-Commits und erklärt dabei, was es tut und warum.
Der entscheidende Unterschied zu "mal schnell ChatGPT fragen": Claude Code kennt den vollständigen Kontext des Projekts. Es liest nicht nur die eine Datei, die man ihm zeigt, sondern versteht die Zusammenhänge zwischen Backend, Frontend, Datenbank und Konfiguration. Und es merkt sich im Verlauf einer Session, was bereits entschieden wurde — welche Architektur, welche Konventionen, welche Kompromisse.
Kurz: Es fühlt sich an wie Pair-Programming mit einem sehr erfahrenen Entwickler, der nie müde wird und keine schlechten Tage hat.
Der Entwicklungsprozess — drei konkrete Beispiele
528 Fragen aus einer Behörden-Website extrahieren
Die offiziellen Prüfungsfragen stammen vom Elektronischen Wasserstraßen-Informationsservice (ELWIS) des Bundes. Sie sind als HTML-Seiten veröffentlicht — gut für Menschen, aber nicht maschinenlesbar strukturiert.
Ich wollte alle Fragen, Antworten und zugehörigen Bilder in eine JSON-Datei überführen. Claude Code hat dafür einen BeautifulSoup-Parser entwickelt, der die HTML-Struktur analysiert, Fragen von Antworten trennt, die korrekte Antwort identifiziert (sie steht immer an erster Stelle und wird in der App zufällig gemischt) und Bilder den jeweiligen Fragen zuordnet.
Dabei gab es einen interessanten Bug: Bei einer bestimmten See-Frage fehlte das Bild in der Ausgabe. Claude Code hat das Problem eigenständig diagnostiziert — das Bild saß in einem <p>-Tag ohne class="picture", was der Parser nicht erwartet hatte — und den Code entsprechend angepasst. Ergebnis: 528 Fragen, 143 mit Bildern, sauber strukturiert.
Schallsignale ohne Grafiken darstellen
Vier Fragen im SBF See betreffen akustische Signalmuster — zum Beispiel "lang, kurz, kurz" für ein bestimmtes Manöversignal. Im Original-Fragenkatalog sind diese Muster als Grafiken dargestellt: Balken unterschiedlicher Länge.
Das Problem: Solche Grafiken lassen sich schlecht in eine responsive Web-App integrieren, und sie sind für Screenreader unzugänglich. Ich habe Claude Code das Problem geschildert und der Vorschlag kam prompt: Unicode-Zeichen verwenden — — für einen langen Ton, · für einen kurzen. Die Antworten würden dann so aussehen:
▎ lang, kurz, kurz (— · ·)
Pragmatisch, sofort umsetzbar, kein zusätzliches Bild nötig. Manchmal ist die einfachste Lösung die beste — und manchmal braucht man jemanden, der sie ausspricht.
Die Navigationsaufgaben neu denken
Die 15 Navigationsaufgaben des SBF See sind eine Besonderheit: Es sind keine Multiple-Choice-Fragen. In der Prüfung wird ein konkretes Szenario gestellt — ein Boot fährt von Borkum nach Cuxhaven, Kurs und Ablenkung sind gegeben — und 9 von 15 möglichen Teilaufgaben müssen anhand eines Seekartenausschnitts rechnerisch oder zeichnerisch gelöst werden.
Meine ursprüngliche Implementierung zeigte diese Fragen einfach als Text ohne Antwortmöglichkeiten an — was nutzlos ist. Als ich Claude Code das Problem beschrieb, kam die Gegenfrage: "Soll ich die 15 ELWIS-Seiten scrapen und die Szenarien mit ihren Lösungen in eine eigene JSON-Datei überführen?"
Das war genau die richtige Idee. Claude Code hat einen Scraper geschrieben, der alle 15 Aufgabenseiten abruft, das Szenario und die Lösungstabelle extrahiert und strukturiert speichert. In der App gibt es jetzt einen eigenen Navigationsaufgaben-Viewer: Man wählt eine der 15 Aufgaben, sieht das vollständige Szenario und kann die Lösungen Zeile für Zeile aufdecken.

Was beim Arbeiten mit Claude Code gut funktioniert
Großes Refactoring ohne Angst. Als ich entschieden habe, vier verschiedene Führerscheintypen (SBF Binnen Motor, SBF Binnen Segeln+Motor, SBF See, SBF See mit vorhandenem Binnen) zu unterstützen, mussten Logik in fünf Dateien gleichzeitig angepasst werden — JavaScript, HTML, Python, CSS und die Datenbankmodelle. Claude Code hat das konsistent durchgezogen, ohne dass ich jede Datei einzeln koordinieren musste.
Iteratives Arbeiten. Der typische Ablauf sah so aus: Ich beschreibe, was ich möchte. Claude Code macht einen Vorschlag und erklärt seine Überlegungen. Ich kommentiere oder korrigiere. In der nächsten Runde wird das Ergebnis verfeinert. Das fühlt sich natürlicher an als das Schreiben von Prompts — eher wie ein Gespräch unter Entwicklern.
Technische Entscheidungen werden erklärt. Wenn Claude Code etwas auf eine bestimmte Art implementiert, gibt es meistens eine kurze Begründung. Das hilft, den Code zu verstehen und Gegenfragen zu stellen.
Design-Feedback annehmen. Als ich rückmeldete, dass die neu implementierte Navigationsaufgaben-Seite einen Darstellungsfehler hatte — die Tabelle hatte lila Text auf lila Hintergrund, weil der Container-Hintergrund fehlte — war die Korrektur in einem Durchgang erledigt.

Im Vorschau- oder Lernmodus werden die Fragen mit den offiziellen Antworten angezeigt. Im Lernmodus in zufälliger Anordnung und man kommt direkt Rückmeldung ob die Antwort richtig war.

In den den angebotenen Haupt- oder Unterkategorien wird angezeigt mit welchem Erfolg der jeweilige Block war indem die einzelnen Fragen innerhalb eines Blocks mit grün/gelb/rot angezeigt werden, je nachdem wie sicher man diese Frage beantwortet werden kann.
Was man beachten sollte
Architektur-Entscheidungen selbst treffen. Claude Code ist gut darin, Vorschläge zu machen — aber die grundlegenden Weichenstellungen sollte man selbst vornehmen. Welche Datenbank? Welches Framework? Wie wird Authentifizierung gelöst? Hier lohnt es sich, erst selbst eine Meinung zu haben, bevor man in die Umsetzung geht.
Code reviewen. Claude Code macht Fehler — manchmal logische, manchmal konzeptuelle. Ein kritischer Blick auf den generierten Code ist unerlässlich. Nicht weil der Code häufig falsch ist, sondern weil man als Entwickler verstehen muss, was im eigenen Projekt passiert.
Langen Kontext gelegentlich zusammenfassen. Bei sehr langen Sessions verliert Claude Code manchmal frühere Entscheidungen aus dem Blick. Der /compact-Befehl fasst den bisherigen Kontext zusammen — das hilft, die Session fokussiert zu halten.

Sogar einen vollständige, gut verständliche Hilfe Seite lässt sich auf diese Weise erstellen.
Das Ergebnis
Nach einigen Wochen mit gelegentlicher Abendarbeit ist eine vollständige Web-App entstanden:
- 528 Fragen für alle vier Führerscheintypen
- Lernmodus mit Fachkategorien, Lernstand-Filtern und gepinnten Fragen
- Prüfungssimulation mit korrekten Zeitlimits und Bestehensregeln
- Statistiken mit Heatmap auf Fragenebene
- Navigationsaufgaben-Viewer mit allen 15 ELWIS-Szenarien
- Benutzerverwaltung mit JWT-Auth, E-Mail-Verifizierung und Admin-Dashboard
- Docker-Deployment auf einem eigenen Server

Der Prüfungsmodus simuliert eine echte Prüfungssituation. Erst nach Ablauf der Prüfungszeit wird angezeigt ob die Prüfung bestanden ist.

Die Auswahl fachlicher Teilkategorien erleichtert das Einprägen bestimmter Teilgebiete.
Fazit
Claude Code ist kein Zauberstab, der auf Knopfdruck fertige Software produziert. Es ist ein Werkzeug, das erfahrene Entwickler erheblich schneller macht — nicht weil es die Arbeit abnimmt, sondern weil es die langweiligen Teile (Boilerplate, Konsistenz über viele Dateien, bekannte Muster) schnell erledigt und für die interessanten Teile als Gesprächspartner zur Verfügung steht.
Was mich am meisten überrascht hat: die Qualität der Fragen, die Claude Code stellt. Nicht nur "Wie soll das aussehen?", sondern "Macht das so konzeptionell Sinn?" — und manchmal hat es recht, wenn die Antwort nein ist.
Die App ist unter sbf.leanfintech.de erreichbar. Der Quellcode liegt auf GitHub.
Technologie-Stack: Python, FastAPI, SQLAlchemy, SQLite, Vanilla JavaScript, HTML/CSS, Docker, nginx